Die Tagebücher einiger Kantálin


Manche Kantálin haben begonnen, ihre eigene Lebensgeschichte aufzuschreiben. Für diese Kantálin gibt es einen eigenen Bereich in der Bibliothek, ein Raum, in dem kein Staub liegt, weil viele ein- und ausgehen und ihre Tagebücher stetig weiterfüllen.

Tagebuch TerrĂ­go-Ausbildung Sinn des Lebens Irrgarten Seefahrt Ende der GefĂĽhle

Gefahren einer Seefahrt

Die See war ruhig. Zu ruhig. Das Sternenlicht funkelte auf dem dunklen Wasser, das nur durch das Schiff in Bewegung geriet. Es war eine Neumondnacht und mit dem verschwundenen Mond, der sonst über das Meer und die Gezeiten wachte, schienen alle Geräusche dumpfer zu sein, lauernder. Als spürte die See eine Gefahr, die sich erst noch zeigen würde.

Ratun, einer der ältesten Seefahrer der Kantálin, beugte sich über die Reling und sah in das beinahe pechschwarze Meer. Seit Jahrhunderten war er auf dem Schiff unterwegs, überbrückte die Grenze zwischen Atlantis und der Menschenwelt. Erst sah er es als sein Versagen an, dass er nur auf dem Schiff arbeiten sollte, anstatt ein vollständiger Térrigo zu werden und mit in die Menschenwelt gehen zu können. Doch mit den Jahrzehnten, die vergingen, bemerkte er, wie gefährlich diese Überfahrt war, wie viel Feingefühl und Intuition man so manches Mal brauchte, um sie heil zu überstehen. Nur die wenigsten Kantálin besaßen noch so etwas wie Intuition, vielleicht war er auch der Einzige. Ratun hatte dieses irrationale Gefühl schon öfter das Leben gerettet. Auch heute hielt ihn etwas wach, eine Ruhelosigkeit, die nicht zum Schweigen des Meeres passen wollte.

Das Meer unter ihm war ruhig. Kein Schatten schwamm darin herum. Sie mussten vorsichtig sein, bei jeder Überfahrt. Wesen wie Wasserdrachen wurden von der starken magischen Kraft des Schutzschildes um Atlantis angezogen. Sie konnten nicht hinein in ihn, lauerten an seinem Rand, wurden wahnsinnig und fielen über diejenigen her, den Schutzschild verlassen wollten. Die Seefahrer, jene Térrigo, die es nicht zur vollkommenen Perfektion gebracht haben, um in der Menschenwelt umherwandern zu können, kannten diese Gefahr und wussten sich dagegen zu wehren. Ratuns Hand fuhr zum Dolch an seinem Gürtel. In die Klinge war das einschläfernde Gift eingearbeitet. Es nahm einem alle Schmerzen und lies einen ruhig einschlafen. Er hatte schon oft Wasserdrachen mit dieser Klinge getötet. Sie fielen zurück ins Meer, plötzlich friedfertig, schlossen die Augen und verschwanden irgendwo unter der Wasseroberfläche. Manchmal fühlte er sich schuldig, dass er ihnen das Leben nahm und sie so einsam im kalten Wasser sterben ließ, aber Ratun wusste nur zu gut, dass es auf dem Meer heißt: „Sie oder ich.“

Er hörte Schritte hinter sich und sah aus den Augenwinkeln, dass sich jemand neben ihn stellte. Noch jemand, der in dieser mondlosen Nacht keine Ruhe fand.
„Haltet Ihr nur Nachtwache, oder könnt Ihr auch nicht schlafen?“, fragte die Person neben ihm. Die Stimme war weiblich. Ratun drehte den Kopf und erkannte Laida. Sie war eine junge Térrigo, dies war ihre erste Überfahrt zur Menschenwelt. Sie war eine seltsame Kantálin, ein wenig ungestüm und sehr neugierig. Am meisten faszinierte sie nicht die Geschichte der Menschen, sondern deren Verhalten, die Gefühle. Gefühle, die die Kantálin schon lange vergessen hatten.
„Das Meer hält mich wach, es kommt mir zu ruhig vor. Wir haben bald den äußeren Ring des Schutzschildes durchquert und im Wasser tut sich nichts. Ich frage mich, wo die Wasserdrachen sind“, entgegnete Ratun.
„Sind sie gefährlich, diese Wasserdrachen?“
„Wir sind trainiert im Kämpfen, wir haben sie schon oft besiegt. Ihr brauch Euch keine Sorgen darum zu machen. Am nächsten Abend werden wir in der Menschenwelt sein und am Tag darauf in unserem Zielhafen anlegen. Ich fahre schon seit Jahrhunderten diesen Weg und mir ist noch nie etwas zugestoßen.“ Ratun strich kurz über Laidas Arm. Sie war eine schöne Kantálin, mit langem schwarzem Haar, dass sie lose trug und im Wind wehen ließ. Als er sie auf das Schiff gehen sah, hatte er sich gefragt, wie eine so zierliche Person wie sie die harte Ausbildung der Térrigo geschafft hatte. Aber sie hatte sie geschafft, sie durfte hinüber zur Menschenwelt und die Geschichte aufschreiben. Er beneidete sie nicht. Den Neid hatte er schon lange aufgegeben. Er war ebenso wichtig in der Gilde wie jeder andere. Ohne die Seefahrer käme kein Kantálin jemals heil zur Menschenwelt.
„Beinahe wäre ich auch eine Seefahrerin geworden. Ich bin froh, dass ich die Ausbildung doch noch zu Ende bringen konnte. Ich finde es bemerkenswert, dass Ihr Tag für Tag auf diesem Schiff stehen, dem Tod ins Auge blicken könnt, dass Ihr es aushaltet, keinen festen Boden unter den Füßen zu haben. Ich glaube, ich hätte lieber die Gilde gewechselt, wäre zu den Muntála gegangen oder zu den Nadora, als zu den Seefahrern zu gehen.“ Laida sah hinaus in die endlose Weite des Meeres. Der Seefahrer nickte und hüllte sich in Schweigen. Die Seefahrt war nicht einfach. Der Grund, aus dem es nur zwei Besatzungen gab, obwohl so viele Kantálin Térrigo werden wollten und nur ein Drittel davon diese Ausbildung schaffte, war, dass nur sehr wenige auch tatsächlich zu den Seefahrern gingen und nicht lieber in eine andere Gilde wechselten. Das Meer war den Kantálin nicht geheuer, vielen jagte es Unbehagen ein. Wer nicht hinüber musste zur Menschenwelt, setzte freiwillig keinen Fuß auf ein Schiff. Nur die kleine Gruppe aus Seefahrern hatte es gelernt, das Meer als Freund anzusehen, nicht als Feind.

„Da! Was ist das?“, fragte die Kantálin neben ihm plötzlich und zeigte aufs Meer hinaus. Ratun sah ebenfalls hinaus aufs Meer. Erst sah er nichts, bis plötzlich etwas unter der Wasseroberfläche aufblitzte. Die Reflektion von Sternenlicht auf Abermillionen Schuppen. Ratun riss die Térrigo von der Reling weg, griff in der gleichen Bewegung nach einer kleinen Glocke, die er ebenfalls an seinem Gürtel hängen hatte, und läutete sie.
„Wasserdrache! Wasserdrache an Backbord!“, schrie er dazu, während er zur großen Glocke in der Mitte des Schiffes lief. Als er dort ankam und diese anfing zu läuten, taumelten schon die ersten Besatzungsmitglieder aus ihren Kojen und kamen an Deck.
„Läute weiter die Glocke“, wies Ratun Laida an, als er den Kapitän erblickte. Er wartete ihre Antwort gar nicht ab, sondern lief sofort mir großen Schritten auf das Schiffsoberhaupt zu.
„Wie nah ist er schon?“, fragte dieser seinen Untergeben sofort. Eine Antwort blieb Ratun ihm allerdings schuldig, da in dem Moment schon das Gebrüll des Drachen zu hören war. Eine Erschütterung ging durch das Schiff, als der massige Körper dagegen prallte. Eine Seefahrer sprangen erschreckt zurück, als das Schuppentier genau vor ihnen auftauchte und ein Stück aus der Reling riss.

„Angriff!“, schrie der Kapitän. Ratun sah zum oberen Deck. Die Bogenschützen formierten sich dort, spannten die Sehnen ihrer Bögen und legten die Pfeile an. Die erste Pfeilsalve prallte allerdings an den diamantharten Schuppen des Wasserdrachens ab. Man musste ihn an der Unterseite erwischen, in der Kehle oder wo sein Bauch in seine Beine überging. Dort waren seine Schwachstellen. Der Seefahrer lief zu seinen Kameraden, um an deren Seite gegen den Drachen zu kämpfen. Sie mussten ihn nach oben locken, sodass er seien Schwachstellen preisgab. Allerdings wusste man nie, wo er auftauchte und trotz seiner Masse war ein Wasserdrache ziemlich flink, sofern er im Wasser war und nicht an Land.

Ratun zog sein Messer und schob sich langsam weiter vor. Seine Kameraden riefen ihn zurück, aber hörte nicht auf sie. Er hatte es schon öfter gemacht, hatte sich selbst als Köder angeboten, um dem Drachen dann die Klinge in die Kehle zu stoßen. Er war nicht sonderlich heldenhaft oder verfügte über überragenden Mut. Für ihn bot das Sterben nur keinen Schrecken mehr. Wer Jahrhundertelang beinahe Tag für Tag dem Tod ausgesetzt war, lernte irgendwann damit zu leben. Er oder ich, so war das Gesetz des Meeres.

Der Wasserdrache schoss genau vor ihm aus dem Wasser, bäumte sich auf und seine Schuppen glitzerten wie Millionen Diamanten. Ratun blickte dem Wesen einen Moment lang in die Augen, dann schoss seine Hand mit dem Dolch vor und zog eine blutige Linie in die Kehle des Drachens. Er schrie auf, wollte nach Ratun schlagen, ihn mit sich nehmen ins Meer, doch da ging schon der Pfeilhagel auf ihn nieder. Das Gift tat seine Wirkung und lähmte das Wesen. Als er auf dem Wasser aufprallte, waren seine Augen schon für immer geschlossen.

Der Seefahrer wischte seine Klinge am Hosenbein ab und schob sie wieder in den Gürtel. Er nickte Laida kurz zu, die sich verkrampft am Glockenseil festhielt, dann half er seinen Kameraden, das Schiff zu reparieren. Es gab kein Lob für ihn und das machte ihm auch nichts aus. Sie hatten ein Wesen getötet, dass beinahe ebenso alt war wie sie, was nur durch den Schutzschild so wahnsinnig geworden war. Dafür verdiente man kein Lob. Die Mannschaft widmete sich ihrer Arbeit, als wäre nie etwas geschehen. Wenn sie auf die ersten Menschen treffen würden, würde das Schiff wieder unversehrt aussehen und nichts würde an diesen Zwischenfall erinnern. Ratun sah kurz hoch und bemerkte, dass Laida verschwunden war, wahrscheinlich zu den anderen Térrigo unter Deck. Sie konnte nun wohl endlich schlafen. Das Meer war jetzt nicht mehr ruhig, sondern friedlich. Die Gefahr war zumindest für diese Seefahrt vorbei.

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