Die Tageb√ľcher einiger Kant√°lin


Manche Kant√°lin haben begonnen, ihre eigene Lebensgeschichte aufzuschreiben. F√ľr diese Kant√°lin gibt es einen eigenen Bereich in der Bibliothek, ein Raum, in dem kein Staub liegt, weil viele ein- und ausgehen und ihre Tageb√ľcher stetig weiterf√ľllen.

Tagebuch Terr√≠go-Ausbildung Sinn des Lebens Irrgarten Seefahrt Ende der Gef√ľhle

Der Sinn des Lebens

Ich erinnere mich an eine gro√üe Leere und an eine gro√üe K√§lte. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich fiel nicht, doch ich schwebte auch nicht. Ich stand nicht, doch ich lag oder sa√ü auch nicht. Es dauerte lange, bis ich begriff, dass da nichts mehr war, was fallen oder schweben k√∂nnte. Nichts mehr war, dass stehen, liegen oder sitzen k√∂nnte. Ich war immer noch ich in dieser endlosen, gro√üen K√§lte, aber au√üer dieser K√§lte sp√ľrte ich nichts. Ich hatte keinen K√∂rper mehr. Warum ich trotzdem frieren konnte? Ich glaube, meine Seele fror, weil sie so allein war in dieser leeren Ewigkeit.

Ich wusste, dass ich sterben w√ľrde.

Ich hatte schon genug Geschichten √ľber dieses eine Fieber, diese eine Krankheit, den Fluch, geh√∂rt, als dass ich die Anzeichen nicht erkannt h√§tte. Es wurde versucht mir zu helfen, aber ich merkte, dass es nichts brachte. Mit der Zeit h√∂rte ich auf, zu k√§mpfen. Ich bin ein unsterbliches Wesen, einer vom Volk der Zeitlosen, ein Kant√°lin. Doch diese eine Krankheit ist eines der wenigen Dinge, die uns umbringen k√∂nnen, ohne, dass wir uns selbst das Leben nehmen. Denn diese Krankheit bringt unsere Achillesverse zu uns. Sie bringt K√§lte in unsere K√∂rper, l√§sst sie erstarren, die Muskeln erfrieren, sodass selbst wir dem Tod nicht mehr entgehen k√∂nnen. Wir k√∂nnten selbst im tiefsten Meer atmen und im gr√∂√üten Feuer nicht verbrennen, doch gegen die K√§lte, die sich heimt√ľckisch in unsere K√∂rper, in unsere Muskeln und Knochen schleicht, k√∂nnen wir nichts tun.

Ich war nicht alt. Ich war gerade dabei, meine Ausbildung bei den Libr√≠ca zu beenden, selbst ein St√ľck der gro√üen Bibliothek zur eigenen Verwaltung zu bekommen. Viel zu viele der B√ľcher sind ohne Pflege, verstauben in uralten G√§ngen, die niemand mehr geht.

Doch dann kam das Fieber, der kant√°linische Fluch. Ich wei√ü nicht, wann es anfing. Ich habe irgendwann angefangen zu husten. Die feine Spinnenseide war mir nicht mehr warm genug und ich trug wollene Sachen, obwohl sie unangenehm auf der Haut kratzten. Irgendwann fiel es dem Fuan√° auf. Er schickte mich zu meinen Eltern, damit diese einen San√°bri f√ľr mich holen. In ihrem Haus brach ich zusammen. Da wusste ich, dass ich die Krankheit zu lange vor mir hergeschoben hatte.

Ich weiß nicht, wie viele Tage ich noch bei schwachem Bewusstsein war, doch irgendwann war da gar nichts mehr. Kein Licht, keine Geräusche, kein Körper. Nur noch meine Seele in dieser Leere, die erbärmlich fror.

Irgendwann h√∂rte ich wieder etwas, fl√ľsternde Laute, keine Worte, aber dennoch etwas, das ich verstehen musste, verstehen wollte. Ich hatte wieder einen Sinn gefunden, in dieser endlosen Leere, ich wollte meine Seele daran hindern, sich vollends aufzul√∂sen. Darum h√∂rte ich diesen Stimmen zu, lernte mit der Zeit, ihre zischelnden Laute zu verstehen. Ich wei√ü nicht mehr, was sie mir alles sagten. Ich wei√ü nur noch, dass sie meiner Existenz einen Sinn wiedergaben und damit die Kraft, die K√§lte aus meiner Seele zu vertreiben.

Es wurde wieder heller und w√§rmer um mich. Irgendwann verstummten die Stimmen wieder, doch damit kam das Gef√ľhl meines K√∂rpers zur√ľck. Kalt war er, leblos, doch meine Seele f√ľllte ihn wieder mit W√§rme und Leben.

Als ich die Augen aufschlug und mich in einem unbekannten Raum wiederfand, wusste ich, dass ich einen Weg gegangen war, der mich niemals wieder zur√ľckbringen w√ľrde zu den B√ľchern. Stattdessen hatte ich eine Ausbildung genossen, die nur die wenigsten √ľberleben.

Ein Lächeln umspielte meinen Mund. Ich war ein Sanábri geworden.

Strich

Die Stimmen der Munt√°la, zum Chor vereinigt, schwebten √ľber dem Feld, wurden vom Wind weitergetragen und riefen alle Kant√°lin zu sich, zum Tempel hinauf, um eins der sch√∂nsten Feste zu feiern. Ein Kind war geboren worden, nach Jahrhunderten wieder das erste kant√°linische Kind. Andere Kant√°lin, in deren Augen noch Kinder, rannten schon im Tempel umher, aufgeregt was passieren w√ľrde. Sie kannten dieses Fest der Geburt nicht, waren zu jung, um sich daran erinnern zu k√∂nnen. Die Munt√°la setzten zu einem anderen Lied an, manche begannen zu tanzen. √Ąltere riefen die Kinder zu sich, die noch nicht tanzen konnten, und erz√§hlten ihnen Geschichten. Irgendwo schrie das Neugeborene.

Mituro stand still in dem ganzen Chaos. Er war der √Ąlteste, der Fuan√° der San√°bri, f√ľr die dieses Fest das wichtigste und wertvollste ist. Sein Blick streifte Chona, die dieses Kind zur Welt gebracht hatte und ihm einen Namen geben w√ľrde, der an ihren erinnerte, so wie es Brauch war bei den Kant√°lin. Chany w√ľrde es hei√üen. Er wusste, dass die San√°bri aufgeregt war. Dies war das erste Mal, dass sie selbst beim Natal√© das Kind zum Altar tragen w√ľrde. Er strich sich kurz durchs Haar und betrachtete die anderen Mitglieder seiner Gilde, die alle durch die gleiche, unheimliche Ausbildung gegangen waren wie er. Er erinnerte sich gut daran, auch wenn er es nie jemandem erz√§hlt hatte. Jeder San√°bri machte eine andere Erfahrung in seinem Fieberschlaf, jede einzelne war einzigartig. Er war froh, dass er zu den wenigen Ausgew√§hlten geh√∂rt hatte, die das Koma √ľberlebten. Es war der einzige Weg in diese Gilde, die seine Familie geworden war.
‚ÄěFuan√° Mituro, das Feuerholz ist aufgeschichtet‚Äú, drang da eine Stimme in seine Gedanken ein. Er l√§chelte dem jungen San√°bri zu.
‚ÄěDanke. Geh tanzen und feiern, du hast deine Aufgabe gut erledigt.‚Äú
Das Gesicht des jungen Kant√°lin erhellte sich und er eilte davon. Mituro sah wieder √ľber die Menge und ein L√§cheln stahl sich auf sein Gesicht. Das j√ľngste Ehepaar hatte gerade den Tempel betreten, Londius und Laida. Mit ihren rabenschwarzen Haaren passten sie wunderbar zueinander. Sie waren schon ein paar Jahrzehnte verheiratet, aber den Wunsch nach einem Kind hatten sie noch nicht versp√ľrt, obwohl sie beide sich den gr√∂√ütm√∂glichen Respekt gegen√ľberbrachten. Das Grad√≠sium hatte mit der Entscheidung, die beiden zu verm√§hlen, recht getan. Selten hatte er ein so harmonisches Brautpaar gesehen, auch wenn sie sich selten sahen. Sie waren beide T√©rrigo und dementsprechend kurz war die Zeit, die sie zusammen verbringen konnten. Doch vielleicht war es gerade das, was ihre Ehe so harmonisch machte.

Sein Blick wanderte weiter, √ľber all die K√∂pfe der Zeitlosen hinweg. Viele der jungen Kant√°lin hatte er selbst gesegnet. Er war schon seit Jahrhunderten Fuan√° und er war es gern. Was andere als Pflicht ansahen, war f√ľr ihn der Sinn seines Lebens. Denn ohne diesen Sinn, ohne die Stimmen, die ihm in der k√§ltesten Stunde seines Lebens die Heilung lehrten, w√ľrde er nicht hier stehen. Dann w√§re er schon vor Jahrhunderten gestorben.

Strich

Mit der D√§mmerung trat Mituro schlie√ülich vor die Feuerstelle und entz√ľndete sie. Der Widerschein des Feuers floss an den W√§nden entlang, h√ľllte den ganzen Tempel in ein geheimnisvolles, r√∂tliches Licht. Chona trat langsam mit dem Kind auf dem Arm vor, blieb auf Armesl√§nge vor ihm stehen. Mituro l√§chelte ihr kurz zu, dann tauchte er seinen Finger in die Asche des Feuers und malte das Zeichen der Segnung auf die Stirn des Kindes. Dabei erhob er seine Stimme √ľber den Chor der Munt√°la, die einen leisen Gesang angestimmt hatten. ‚ÄěAreja mik√≠ daj√≥!‚Äú

Dann nickte er Chona zu. Diese drehte sich mit dem Kind um, hob es hoch und verk√ľndete mit Stolz in der Stimme: ‚ÄěIch gebe diesem Kind den Namen Chany. M√∂gen ihre Entscheidungen stets weise und ihr Leben stets von Freude erf√ľllt sein!‚Äú

Mituro blickte l√§chelnd zu den Eltern, die ihr Kind wieder in Empfang nahmen. Er sprach ein paar Worte mit ihnen, ehe er sich von dem Fest verabschiedete. Er musste zur√ľck in das Gildenhaus. Es lagen ein paar Kranke da, allerdings nicht so krank, als dass er sie nicht h√§tte allein lassen k√∂nnen die paar Stunden. Doch eine junge Kant√°lin lag da auch, die schon abgedriftet war in das Koma. Er hoffte, dass sie den gleichen Weg gehen w√ľrde wie er. Er ging zur√ľck, um Wache zu halten an ihrem Bett. Um ihren K√∂rper warm zu halten, auch wenn ihre Seele fror. Um ihr durch die W√§rme den Weg zur√ľck ins Leben zeigen zu k√∂nnen, wie sie es schon seit Jahrtausenden tun.

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