Die Tageb√ľcher einiger Kant√°lin


Manche Kant√°lin haben begonnen, ihre eigene Lebensgeschichte aufzuschreiben. F√ľr diese Kant√°lin gibt es einen eigenen Bereich in der Bibliothek, ein Raum, in dem kein Staub liegt, weil viele ein- und ausgehen und ihre Tageb√ľcher stetig weiterf√ľllen.

Tagebuch Terr√≠go-Ausbildung Sinn des Lebens Irrgarten Seefahrt Ende der Gef√ľhle

Die Qualen der Ausbildung zu einer Térrigo


W√ľrgend stand die junge Frau an der Felsenklippe. Sie spuckte halbverdaute Beeren in die wei√üe Gischt der sich brechenden Wellen. Erst nach einigen Minuten h√∂rten die Kr√§mpfe in ihrem K√∂rper auf und sie brach ersch√∂pft zusammen. Ihre Schultern zitterten und ihr Gesicht war blass.
»Ma√°ri, ich hatte es dir doch gesagt. Du bist ein paar Jahrzehnte zu alt f√ľr diese Ausbildung.«
»Ja, du sagst und wei√üt ja alles! Aber wer k√ľmmert sich darum, meine Freundin zu finden? Niemand! Verdammt, sie ist die beste T√©rrigo, die ihr jemals hattet, und ihr lasst sie einfach zur√ľck!« Bitterkeit schwang in der Stimme der Frau mit. Zornige Augen funkelten ihr Gegen√ľber an, den derzeitigen Fuan√° der T√©rrigo, Achial.
»Sie KANN nicht zur√ľck! Versteh das doch!«
»Ich«, begann Ma√°ri, wurde jedoch wieder von Kr√§mpfen gesch√ľttelt. Achial griff ihr unter die Arme und brachte die ersch√∂pfte Frau weg von der Felsenklippe, zur√ľck zu dem gro√üen Holzgeb√§ude. √ľber der gro√üen Doppelt√ľr prangte das Wappen der T√©rrigo, zwei sich umschlie√üende Erdkreise mit einem verschn√∂rkelten »T« in der Mitte.
Mit einem Blatt, dass er von einem Baum pfl√ľgte, reinigte er ihr Gesicht, damit nicht jeder gleich das Missgeschick bemerkte. »Versteh doch, Ma√°ri. Du bist zu weit fortgeschritten in deiner Entwicklung. Du kannst das Essen und Trinken nicht mehr lernen. Du kannst keine T√©rrigo mehr werden. Eine Schreiberin k√∂nntest du sein, mehr nicht.«
Ma√°ri w√ľrgte noch einmal, aber es kamen ihr keine Beeren mehr hoch. »Ihr habt genug Schreiber, Achial. Doch ich w√ľrde schreiben, ich w√ľrde alles schreiben, was du mir gibst, aber bitte, lass mich zumindest einmal auf die Erde. Ich kann sie da nicht allein lassen.«
Achial sch√ľttelte den Kopf. »Nur Zeit kann Sturheit brechen1«, murmelte er, eher er die Frau neben sich wieder ansah.
»Es gibt J√ľngere als dich, Ma√°ri, die dennoch versagen und die letzte Pr√ľfung nicht bestehen. Ich kann dich nicht einfach schutzlos unter die Menschen schicken.«
»Dann gib mir einen ausgebildeten T√©rrigo mit!«
»Du hast nichts zu erledigen unter den Menschen. Ich kann dich nicht einfach so unter sie schicken. Du brauchst die Erlaubnis des Gradísiums.«
Bitter sah Ma√°ri den Fuan√° an. »Aber Londias darf, ja? Nur, weil seine Frau eine T√©rrigo war! Und jetzt k√ľmmert er sich keinen Deut mehr um sie!«
Entgeistert sah Achial die Frau an. Er blieb stehen, kurz vor der Doppelt√ľr zur Residenz der T√©rrigo. »Warum kannst du dir nicht einfach vorstellen, dass sie tot ist? Sie ist in gewissem Sinne tot. Sie ist keine Kant√°lin mehr.«
»Ich bin es ihr schuldig. Sie war immer f√ľr mich da, hat mich niemals allein gelassen, sie war wie die Schwester, die ich mir immer gew√ľnscht habe. Ich bin es ihr schuldig.«
Der Fuan√° seufzte tief. Auch wenn die Kant√°lin alle tiefergehenden, menschliche Gef√ľhlen vergessen hatten, nicht mehr wussten, was Liebe, Hass, Freundschaft, Eifersucht ist, so kannten sie dennoch das Gef√ľhl, in jemandes Schuld zu stehen. Und dieses Gef√ľhl war eins der st√§rksten, die sie noch haben konnten. Er wusste, er w√ľrde Ma√°ri nicht √ľberzeugen k√∂nnen, hier zu bleiben, wenn sie es als ihre Schuld ansah, die verlorene T√©rrigo suchen zu gehen.
»Londias darf unter den Menschen wandeln, weil er Kontakte bei den h√∂chsten Regierungen gekn√ľpft hatte, damals, als er noch zu uns geh√∂rte. Er hat sein Amt freiwillig f√ľr seine Familie aufgegeben. Er wusste, er konnte es nicht von seiner Frau verlangen. Auch wenn er sie nicht liebte, so verehrte und respektierte er sie und ihre Arbeit dennoch tief. Aber wir brauchten und brauchen seine Dienste dennoch, darum darf er weiterhin in die Welt der Menschen gehen. Ich werde schauen, was ich f√ľr dich und deinen Seelenfrieden tun kann, Ma√°ri.«
Mit diesen Worten √∂ffnete Achial die T√ľren und brachte die Kant√°lin wieder hinein. Sie w√ľrde zu ihrem Training zur√ľckkehren und wahrscheinlich wieder w√ľrgend √ľber der Klippe stehen, sobald das Essenstraining wieder dran war. Es haben schon viele andere vor ihr dort gestanden, viele, die j√ľnger waren als sie selbst. Er wusste, dass Ma√°ri nicht zu einer T√©rrigo werden w√ľrde, die Ausbildung war zu schwer f√ľr sie, aber er hoffte, dass er eine M√∂glichkeit fand, sie auf die Suche nach Laida zu schicken.
»P√°tra2!«, rief da eine M√§dchenstimme und ein kleiner Wirbelwind mit goldblonden Haaren kam angelaufen und umarmte Ma√°ri.
»Chany, meine Kleine. Was machst du denn hier? Wolltest du nicht mit Thaila spielen?«
»Ja, P√°tra, aber Thaila darf nicht. Ihr Vater will, dass sie im Haushalt hilft, jetzt wo...«
»Ja, Chany, ich wei√ü.« Mit einem traurigen L√§cheln strich sie ihrer Tochter √ľber die Haare. Mit ihren 100 Jahren war ihre Tochter beinahe ausgewachsen. Sie wollte auch eine T√©rrigo werden, allerdings war sie daf√ľr noch nicht alt genug. Nichtsdesto trotz liebte sie es allerdings jetzt schon, in der Bibliothek zu sitzen und zu lernen. Ma√°ri hinderte sie nicht daran. Sie wusste, dass fr√ľhes Lernen ihre sp√§tere Ausbildung nur beschleunigen w√ľrde.
»Kommst du jetzt mit mir nach Hause, P√°tra? P√°tro3 ist noch bei den Libríca besch√§ftigt, aber er hat mir ein paar sch√∂ne B√ľcher mitgegeben zum Lernen. Diesmal auf Latein. Ich wei√ü gar nicht, warum ich Latein lernen soll. Die Sprache stirbt doch schon aus, oder? Die anderen T√©rrigo erz√§hlen alle, dass Latein in Vergessenheit ger√§t, obwohl die sogenannten heiligen Schriften dieser einen Kirche in Latein verfasst sind. Ob man sie irgendwann √ľbersetzt? Dann brauchen wir auch kein Latein mehr zu lernen, oder? Ich habe schon genug zu tun mit den Inselsprachen, da spricht keiner wie ein anderer. Oder die Ureinwohner von irgendwelchen L√§ndern, hast du die Sprachen schon gelernt?«
Ma√°ri lachte und strich ihrer Tochter nochmal √ľber den Kopf. »So wissbegierig, wie du bist, kleine Chany, bezweifele ich, dass du Probleme mit dem Lernen der Sprachen haben wirst. Hast du dich auch schon in die Naturwissenschaften eingelesen? Oder bisher nur Geschichte, zum Lernen der Sprachen?«
»Nur die Geschichten der L√§nder. P√°tro meinte, dass das f√ľr den Anfang reicht und dass ich jetzt schon mehr wisse als manche der Lehrlinge.« Chany blickte stolz zu ihrer Mutter auf. Sie wusste noch nichts von den Problemen, die Ma√°ri hatte und dass sie es wahrscheinlich nicht bis zu einer vollst√§ndigen T√©rrigo schaffen w√ľrde, sondern nur bis zur Schreiberin. Eine Schande war es nicht, Schande gab es nicht unter den Kant√°lin. Aber sie war von sich selbst entt√§uscht.

Strich

»Wie lange willst du das noch aushalten?«, fragte La√©s sp√§ter am Tag seine Frau, nachdem sie beide von ihrer Arbeit heimgekommen waren. Chany sa√ü in ihrem Zimmer und las in B√ľchern, das Paar war also ungest√∂rt.
»Solange, wie ich muss. Ich kann sie nicht schutzlos auf der Erde lassen.«
»Sie ist eine menschliche Kant√°lin, sie ist so gut wie tot. Sie ist sterblich. Selbst du k√∂nntest sie nicht mehr durch den Zauber nach Atlantis bringen.«
»Aber ich k√∂nnte sie noch einmal sehen, noch einmal mit ihr sprechen.« Ma√°ri wandte sie von ihrem Gemahl ab und trat ans Fenster. Sie hatten ein Haus nahe am Waldrand und sie h√∂rte die V√∂gel noch leise in den B√§umen singen.
»Die Ausbildung ist zu hart f√ľr dich. Du konntest wieder keine Beeren essen, oder?«
»Nein. Ich dachte, ich h√§tte es endlich geschafft, da kamen sie mir wieder hoch. Aber ich konnte schlucken. Ich hatte Kr√§mpfe im Bauch, weil sich irgendetwas ver√§ndert hat. Glaub mir, mein Conian4, noch ein paar Wochen und ich kann es. Ich muss es k√∂nnen.«
»Ein paar Wochen noch, meine Conian, und dann l√§sst du es sein, wenn du es nicht schaffst.«
Ma√°ri nickte, dann drehte sie sich wieder um und sah ihren Mann fest in die Augen.
»Ich will nicht, dass Chany die gleichen Strapazen durchmacht wie ich.«
»Wie willst du das verhindern? Sie will eine T√©rrigo werden.«
»Ich werde ihr das Essen und Trinken jetzt schon beibringen.«
»Du bist verr√ľckt, es ist viel zu fr√ľh daf√ľr!«
»Vielleicht ist es gerade gut, wenn sie es schon so fr√ľh lernt. Lass es mich wenigstens versuchen. Du lehrst sie ja auch schon die Sprachen der Erde, obwohl es daf√ľr noch viel zu fr√ľh ist.«
»Sie wird eine der j√ľngsten T√©rrigo sein, die es jemals gegeben hat, Ma√°ri. Ich wei√ü nicht, ob das Gradísium damit einverstanden ist. Oder der Fuan√° der T√©rrigo.«
»Ich werde ihn fragen, ab wann ich sie das Essen lehren darf. Thaila sollte es auch lernen. Sie will ihre Mutter bestimmt auch einmal besuchen.«
La√©s sah seine Frau kopfsch√ľttelnd an. Sie waren nun schon ein paar Jahrhunderte verheiratet, aber er verstand dennoch nicht, warum sie dachte, dass sie Laida etwas schuldig war. Es war ja nicht ihre Schuld, dass Laida menschlich geworden war.
»Woher wei√üt du denn, dass sie nicht menschlich werden wollte?«
»Ich wei√ü es nicht. Aber ich m√∂chte es wissen und darum muss ich zu ihr. Wei√üt du, sie war schon immer seltsam. Sie sehnte sich nach der Liebe, nach Freundschaft. Sie war drau√üen unter den Menschen manchmal gl√ľcklicher als hier. Ich wei√ü nicht, wie sie sich nach etwas sehnen kann, dass sie nicht kennt. Ich bin gl√ľcklich, so zu sein, wie ich bin, eine Kant√°lin zu sein. Aber auch ihre Mutter war schon so anders, ebenso wie Thaila anders ist. Sie fragt jetzt schon nach der Welt der Menschen, dabei ist sie ein paar Jahrzehnte j√ľnger als Chany. Es w√ľrde mich wundern, wenn Thaila keine T√©rrigo werden will, ebenso wie ihre Mutter.«
»Dann lass die Kinder auf die Suche nach Laida gehen, sobald sie ihre Ausbildung beendet haben.«
»Du wei√üt so gut wie ich, dass Laida bis dahin tot sein kann. Sie ist eine menschliche Kant√°lin. Sie ist sterblich. F√ľr das Gradísium ist sie schon tot.«
Seufzend stand La√©s auf und nahm aus einer Schale rote Beeren. »Dann iss, Ma√°ri. Iss, bis du es endlich verdauen kannst. Ich respektiere deinen Wunsch, auch wenn ich ihn nicht verstehe. Du wei√üt, welche Qualen noch auf dich zukommen werden. Nicht selten musste ein San√°bri gerufen werden, um die Schmerzen zu heilen.«
»Ich wei√ü.« Ma√°ri nahm die Beeren entgegen und steckte sich eine in den Mund. Sie kaute langsam und bed√§chtig, bevor sie sie hinunterschluckte. Ein paar Augenblicke stand sie noch aufrecht, dann verzog sich ihr Gesicht vor Qual, ihre Hand presste sich auf ihren Bauch und sie kr√ľmmte sich unter Schmerzen zusammen. La√©s nahm sie in die Arme und f√ľhrte sie nach drau√üen, ein St√ľck weit in den Wald hinein. Dort stand sie und w√ľrgte die Reste der Beere wieder hoch. Der Kant√°lin sah traurig auf seine Frau nieder. Er wusste, er konnte es ihr nicht ausreden, aber er w√ľnschte, sie w√ľrde diese Schmerzen den j√ľngeren Kant√°lin √ľberlassen. Denen, die noch f√§hig waren, sie zu ertragen und den W√ľrgereiz zu unterdr√ľcken lernten, wie sie auch irgendwann den Schmerz ignorierten, bis er, in ein paar Jahrzehnten, schlie√ülich ganz verschwand, sofern sie nicht mehr a√üen, als ihre verk√ľmmerten Eingeweide transportieren konnten.
»Ich werde es schaffen«, fl√ľsterte Ma√°ri heiser in seinen Armen. Er strich ihr √ľber den Kopf.
»Ich wei√ü, meine Conian, ich wei√ü.«

Strich
Erläuterungen:
Nur Zeit kann Sturheit brechen: Sprichwort
P√°tra: kant√°linisches Wort f√ľr Mutter
P√°tro: kant√°linisches Wort f√ľr Vater
Conian: kant√°linisches Wort f√ľr Gemahl/Gemahlin

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