Die Tagebücher einiger Kantálin


Manche Kantálin haben begonnen, ihre eigene Lebensgeschichte aufzuschreiben. Für diese Kantálin gibt es einen eigenen Bereich in der Bibliothek, ein Raum, in dem kein Staub liegt, weil viele ein- und ausgehen und ihre Tagebücher stetig weiterfüllen.

Tagebuch TerrĂ­go-Ausbildung Sinn des Lebens Irrgarten Seefahrt Ende der GefĂĽhle

Das Ende der GefĂĽhle


Das Seltsame ist: Es tut nicht mehr weh. Ich kann mich nicht einmal mehr an den Schmerz erinnern, den ich gefĂĽhlt haben muss. GefĂĽhlt haben sollte.

Denn es sollte doch weh tun, wenn die ganze Familie stirbt? Wenn jeder Mensch tot ist, den man gekannt hat. Wenn selbst das Land, dass man einmal Heimat nannte, nicht mehr da ist, sondern von einer dicken Eisschicht ĂĽberzogen wurde.

Doch es tut nicht weh. Ich denke daran und fühle nichts. Doch ich fühle mich auch nicht leer. In mir drin ist ein Gefühl, dass diese Dinge so klein wirken lässt neben den Dingen, die noch in Jahrhunderten und Jahrtausenden passieren und die ich alle miterleben werde. Ja, ich werde noch lange leben. Bis in die Ewigkeit, wenn ich des Lebens nicht müde werde und ihm selbst ein Ende setze. Denn ich bin, durch die Gnade der Thuata Dé Danann, zu einer Kantálin geworden.

Gnade. Ich weiß nicht, ob es wirklich eine Gnade ist. Einer der ihren ist Schuld daran, dass es die Kantálin überhaupt gibt. Erst waren es nur die Männer, doch der Fluch vererbte sich auf die Kinder. Nachdem die Thuata Dé dies erkannten, gewährten sie den Frauen der Männer auch das Recht, zeitlos zu werden.

Doch ich weiß nicht, ob ich so gut dran tat, aus Liebe zu meinem Mann ebenfalls zu einem Mitglied dieses Volkes zu werden. Denn auch die Liebe zu ihm scheint zu verblassen und zu einer dunklen Erinnerung zu werden. Ich mag seine Nähe, ich verbringe gerne mit ihm Zeit und ich möchte auch bei keinem anderen Mann sein. Aber Liebe? Es ist ungezählte Wochen her, dass wir das letzte Mal beieinander lagen. Doch seltsamerweise erfüllt mich auch keine Eifersucht, weil ich mir sicher bin, dass da auch keine andere Frau ist. Ihm ist die Berührung nur ebenso unangenehm wie mir, als ob uns der Schild, der das Wasser von uns fernhält, auch die Freude an der Berührung des Liebsten nehmen würde.

Das Seltsame ist, dass ich die Verwandlung bemerke, nicht nur bei mir, sondern auch bei allen anderen, und ich dennoch keine Angst davor habe. Angst ist wahrscheinlich auch ein GefĂĽhl, dass wir schon verloren haben. Vor was sollen wir auch Angst haben, wenn wir so gut wie unverwundbar sind?

Und auch die Gefühllosigkeit wird ihren Grund haben. Würden wir noch Gefühle haben, so wie vor vielen Jahren, als wir noch Menschen waren, würden wir an dem Schmerz, den die Menschheit der Welt zufügt, zu Grunde gehen. Und wie viel Schmerz wird uns in den nächsten Jahrhunderten erst noch erwarten? Es ist seltsam, dass die Gefühle verschwinden. Aber ich bin dennoch froh darüber. Denn nur so können die Kantálin überleben.

Strich

Sorgfältig streute Aleja Sand über die schon trocknende Tinte und ebenso sorgfältig pustete sie den Sand danach wieder von dem Papier. Noch einmal las sie, was sie geschrieben hatte. Seitdem sie eine Kantálin war, führte sie Tagebuch über ihr Leben. Sie wollte ihre Vergangenheit nicht vergessen, wie es so viele andere schon getan hatten. Im Laufe der Jahrhunderte verblassen die Einzelheiten aus dem Leben, werden zu einer endlosen Spirale des Seins. Sie aber wollte nicht vergessen. Ihre Erinnerungen waren ihr wichtig, wichtiger als alles andere.

Ihr Blick schweifte über die Bücher, die neben ihr in steinernen Regalen standen. Sie hatten die Regale aus dem Fels gehauen, als sie diese Bibliothek errichteten, die Aleja angestrebt hatte. Jeder Kantálin, der noch irgendetwas aus seinem menschlichen Leben wusste, wurde von ihr dazu angeregt, selbst ein ein Buch zu schreiben und diese Bibliothek zu füllen. Damit ihre Kinder und Kindeskinder niemals vergaßen, wo ihre Wurzeln lagen.

Aleja stand auf und stellte ihr Buch in das Regal zurück. Weiter hinten im Berg hörte sie Hämmern und das Brechen von Stein. Die Bibliothek wurde ausgebaut. Wenn sie fertig war, würde die Gilde der Libríca, der Bibliothekare und Buchbinder, ihre Arbeit aufnehmen. Sie selbst würde die Fuaná, das Gildenoberhaupt, sein. Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Sie hatte Bücher schon immer geliebt, doch in ihrer früheren Heimat waren Bücher selten und jemand, der einem Lesen und Schreiben beibringen konnte, noch seltener. Sie selbst lernte es nur durch Zufall von einem fahrenden Sänger und ohne, dass jemand davon erfahren hatte, denn sie wollte keinen Ärger. Doch hier brauchte sie ihre Leidenschaft endlich nicht mehr zu verstecken.
„Aleja?“, fragte da plötzlich eine Stimme hinter ihr und riss sie aus ihren Gedanken. Aleja drehte sich um und erkannte ihren angetrauten Gatten.
„Sinore, was tust du hier?“
„Ich habe dich gesucht, Liebste. Wir wollten doch heute ein wenig spazieren gehen.“ Er lächelte sie an. Aleja wartete auf das Gefühl, dass ihr Herz erwärmte, doch es kam nicht. Sie ging zu ihm und ergriff seine Hand.
„Sag, Sinore, liebst du mich noch?“
„Natürlich. Du mich etwa nicht mehr?“, erwiderte der Kantálin und drückte ihre Hand.
„Doch, natürlich. Nur... diese Liebe, die von Leidenschaft erfüllt ist, dass ich an nichts anderes mehr denken kann. Dass ich nur bei dir sein und bei dir liegen will und die mein Herz erwärmt und zum Fliegen bringt, wenn du in meiner Nähe bist... diese Liebe ist nicht mehr da.“ Sie sah dabei auf den Boden. Es fiel ihr schwer, die Worte auszusprechen, umso erstaunter war sie, als sie ein leises lachen von ihm hörte. Verwirrt blickte sie auf.
„Eine Ewigkeit in Leidenschaft zu schwelgen ist etwas lang, findest du nicht? Jeden Leidenschaft verlischt irgendwann und zurückbleibt die tiefe Liebe, die Menschen ein Leben lang an sich bindet, wenn man es zulässt. Doch die meisten Menschen erreichen dieses Stadium nicht, da ihr Leben zu kurzlebig ist, Aleja. Ich liebe dich, wie ich kein anderes Wesen auf dieser Welt liebe. Auch ohne die Leidenschaft, die meist nur von kurzer Dauer ist“, sagte Sinore und gab seiner Kanálin einen Kuss auf die Hand.
„Komm, der Sonnenuntergang sieht von der Klippe über der Bibliothek atemberaubend aus.“
Aleja nickte und lieĂź sich von ihm mitziehen. Sie dachte noch ĂĽber seine Worte nach, doch als sie oben auf der Klippe standen, seine Arme beschĂĽtzend um sie lagen, da wurde ihr klar, dass er Recht hatte. Was bringt einem die Leidenschaft, wenn keine Liebe dabei ist. Und eine Liebe ohne Leidenschaft ist, wenn man die Ewigkeit betrachtet, die man zusammen verbringt, harmonischer und glĂĽcklicher als alles Feuer, welches die Liebe am Ende doch nur verzehrt.

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