Die Tagebücher einiger Kantálin


Manche Kantálin haben begonnen, ihre eigene Lebensgeschichte aufzuschreiben. Für diese Kantálin gibt es einen eigenen Bereich in der Bibliothek, ein Raum, in dem kein Staub liegt, weil viele ein- und ausgehen und ihre Tagebücher stetig weiterfüllen.

Tagebuch Terr├şgo-Ausbildung Sinn des Lebens Irrgarten Seefahrt Ende der Gef├╝hle

Irrgarten - Eine Atic├│ in der Bibliothek


»Verdammt!« W├╝tend stampfte die Frau mit ihrem Fu├č auf. Ihre Stimme hallte in den Steing├Ąngen wider. »Ich bin schon wieder bei Roms Gr├╝ndung! Das Sprichwort der Menschen scheint zu stimmen: Alle Wege f├╝hren nach Rom.« Seufzend fuhr sie mit dem Finger ├╝ber die feins├Ąuberlich beschrifteten Buchr├╝cken. Hier und da musste sie etwas Staub, manchmal auch etwas mehr, wegstreichen, um die Jahreszahlen lesen zu k├Ânnen. Etwas hilflos wanderte ihr Blick an den langen Regalen voller B├╝cher entlang. Ewige Lichter brannten an Halterungen in den W├Ąnden und spendeten das einzige Licht. In beide Richtungen setzte sich der Gang endlos fort. Sie musste aufpassen, dass sie nicht verga├č, aus welcher Richtung sie gekommen war. »Fuan├í Ma├şre hatte Recht, ich h├Ątte bei den Portr├Ąts bleiben sollen. Die Bibliothek ist nichts f├╝r mich.« Liebevoll zog sie ein Buch, das ├╝ber die Gr├╝ndung Roms, aus dem Regal. Sie hatte selbst die Illustrationen vorgenommen. Blattgold schimmerte im Lichtschein. Sie war stolz auf ihre Zeichnung, auch wenn sie wusste, dass wahrscheinlich niemand sie je sehen w├╝rde. In diese hinteren Ecken der Zeitgeschichte gingen nur noch die wenigsten. Die Atic├│ waren oft f├╝r Jahrhunderte die Einzigen, die es dahin verschlug. Nur die besten der Gilde durften die neueren B├╝cher illuminieren. Die Anf├Ąnger mussten in alten B├╝chern ├╝ben. Kopfsch├╝ttelnd stellte sie das Buch zur├╝ck. »Der einzige Haken dabei ist, dass viele niemals wieder aus den G├Ąngen herausfinden. Ich werde wahrscheinlich eine Ewigkeit hier drin herum irren, bis mich jemand findet.« Ganz in ihr Schicksal ergeben, nahm sie ein anderes Buch aus dem Regal. »Mythen aus der Antike. Nun, warum nicht?« Sie setzte sich auf den Boden und breitete ihre Malutensilien vor sich aus. Vorsichtig entz├╝ndete sie selbst ein Ewiges Licht und stellte es vor das Buch, damit sie genug sah. Dann ergriff sie den Pinsel und verga├č Zeit und Raum, lebte nur noch f├╝r die Muster und Farben, die dem Buch unbeschreibliche Sch├Ânheit verliehen.

Leise Schritte waren zu h├Âren. Einer aus der Gilde der Libr├şca n├Ąherte sich der Kant├ílin. »Verzeih, aber brauchst du Hilfe, um den Ausgang zu finden?«
Unwillig sch├╝ttelte die Atic├│ den Kopf ohne aufzusehen. Der andere Kant├ílin zuckte mit den Schultern und entfernte sich wieder leise. Er wusste, die Atico st├Ârte man besser nicht, wenn sie nicht gest├Ârt werden wollten. Er verfolgte diese eine schon seit ein paar Monaten. Leider traf er sie immer dann, wenn sie sich schon das n├Ąchste Buch aus dem Regal gegriffen hatte. Aber zumindest konnte er ihrer Fuan├í sagen, dass sie tats├Ąchlich Talent hatte. Ihre Portr├Ąts waren schon atemberaubend gewesen, es sah so aus, als h├Ątte sie die Bewegungen mit auf das Bild gebannt. Ihr Schattenspiel war einzigartig. Aber ihre Illuminationen erst...

Versonnen betrachtete der Libr├şca die Malerei in einem Buch. Er hatte es mitgenommen, nachdem er gesehen hatte, dass sie darin gemalt hatte. Es war noch aus ihren Anf├Ąngen und dennoch schon atemberaubend. Sie hatte eine unvorstellbar gro├če Liebe zum Detail. Selbst den V├Âgeln hatte sie Augen gemalt. Mit kleinen Blattgoldkr├╝meln hatte sie den Fischen schimmernde Schuppen verliehen. Er schlug das Buch wieder zu und ging weiter auf den Ausgang der Bibliothek zu. In ein paar Tagen oder Wochen w├╝rde er wieder nach ihr schauen. Mit Gl├╝ck war sie dann gerade nicht in ihre Arbeit vertieft. Er wusste, manche Libr├şca blieben Jahrzehnte verschollen in den G├Ąngen. Er hoffte, dass sie dieses Schicksal nicht ereilen w├╝rde. Daf├╝r malte sie einfach zu gut, als dass sie ihre Kunst dort im Dunkeln, wo sie nie jemand sehen w├╝rde, fortsetzen sollte.

Strich

Leicht irritiert hob die Atic├│ den Kopf. Um sie herum waren nur B├╝cher. Stirnrunzelnd fuhr sie sich durchs Haar. »Ich h├Ątte schw├Âren k├Ânnen, dass ich gerade eine Stimme geh├Ârt habe...« Sie sah sich noch einmal um, doch sie h├Ârte nicht einmal das leiseste Ger├Ąusch. »Seltsam...«

Sie pustete sacht in ihr ewiges Licht, um den Schein heller werden zu lassen, dann betrachtete sie ihr Werk. Sie hatte das Buch fertig illuminiert. Kleine Elfen flogen auf den Seiten umher, ihre Fl├╝gel schimmerten wie verzaubert durch das Blattgold. Ab und zu tauchte ein Wesen aus den Geschichten auf, wie ein wei├čer Stier oder ein gefl├╝gelter Mann. Sie hatte w├Ąhrend des Verzieren der Seiten auch die Geschichten gelesen. Sonst h├Ątte sie sich nicht in das Buch einf├╝hlen k├Ânnen, nicht sp├╝ren k├Ânnen, welche Gestalten und Farben passend sind. Sie tr├Ąumte w├Ąhrend des Lesens von diesen Gestalten, deswegen malte sie sie.

Sorgsam verstaute sie dann ihre Malutensilien. Die Pinsel wischte sie an einem Lappen sauber. Ein paar Lappen hatte sie noch, aber ihr Vorrat an Farbe und Blattgold w├╝rde bald zu Ende gehen. Sie fragte sich, wieviel Zeit wohl schon vergangen war, welche Entwicklungen sie schon verpasst h├Ątte. Und ob ihre Fuan├í sie schon vergessen hatte. Sie hatte sie ja von Anfang an gewarnt. Aber auch ermutigt. Weil ihre Portr├Ąts so gut gewesen waren. »Nun, jetzt male ich niemandem mehr ein Portr├Ąt. Zumindest nicht, so lange ich hier festsitze.« Seufzend stand sie auf, stellte das Buch zur├╝ck ins Regal und klopfte sich den Staub von den Kleidern. Es wurde Zeit, dass sie den Ausgang suchte. Das einem aber auch nie einer der Libr├şca ├╝ber den Weg lief!

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