Die Bewohner

Die Kantálin haben sich mit den Jahren gut auf Atlantis eingelebt und es zu ihrer Heimat gemacht. Sie fühlen sich nicht gefangen. Zwar zieht es vor allem die jungen Kantálin nach draußen unter die Menschen, aber mit den Jahren lässt dieses Bedürfnis nach. Jene, bei denen es nicht nachlässt, haben auch immernoch die Möglichkeit, ein Térrigo zu werden.

Sie haben überall auf der Insel verteilt kleinere oder größere Siedlungen. In jeder Siedlung sind die sieben Gilden durch Gildenhäuser vertreten. Nur die drei großen Gilden, die Térrigo, Libríca und Sanábri haben noch eigene Gildenhäuser außerhalb von Siedlungen. Im alten Tempel der Atlanter, auf einem Berg in der Mitte der Insel gelegen, treffen sich alle Kantálin zu Festen. Das Gradísium, der Ältestenrat, tagt ebenfalls dort.

Das zeitlose Volk lebt im Einklang mit der Natur. Sie registrieren den menschlichen Fortschritt, berichten darüber und verstehen ihn auch, aber sie brauchen ihn nicht. Sie kennen noch die Magie und wissen, wie sehr Natur und Magie miteinander verbunden sind. Könnten sie Trauer spüren, wären sie traurig über die Menschen, die die Magie aus ihrer Welt verbannt haben. Aber die Kantálin kennen keine Gefühle mehr, außer dem Gefühl des Respekts und der Schuld einem anderen gegenüber. Höflichkeit bestimmt den Umgang untereinander. Durch das Fehlen der Gefühle haben sie auch beinahe vergessen, was es heißt, zu leben, da sie keine Lebensfreude spüren. Lebenswillen haben sie allerdings.

Durch die pure Höflichkeit, die ihren Alltag bestimmt, haben sich ihre Sinne sensibilisiert. Sie berühren sich so wenig wie möglich, da sie es als unangenehm empfinden. Eine Berührung zwischen Kantálin tut nicht weh, da sie wissen, wie fest sie sich anfassen dürfen. Treffen sie allerdings auf einen Mensch, der nicht so sensibilisiert ist wie die Kantálin, werden die groben Berührungen oftmals zur Qual, selbst wenn sie freundlich gemeint sind.

Obwohl die Kantálin schon Jahrtausende eingeschlossen auf der Insel wohnen und ihnen eine eigene Sprache geschenkt wurde, haben sie nie sonderlichen Gebrauch davon gemacht. Die Kantálin verstehen alle Sprachen der Erde und sprechen meist in der, die sie am Schönsten finden. Ein paar Vokabeln und Redewendungen ihrer Sprache haben sie aber dennoch in ihren Alltag übernommen.

Dieses schöne, zeitlose Volk ist allerdings nicht unsterblich, auch wenn es vielen so vorkommen mag. Sie können nicht aufgrund von Altersschwäche sterben. In jungen Jahren altern sie beinahe so schnell wie ein Mensch, dann wird der Alterungsprozess immer langsamer, bis er schließlich gänzlich aufhört. Sie können nur durch Selbstmord, Mord, einen Unfall oder durch den kantálinischen Fluch sterben, aber niemals durch die Zeit. Der kantálinische Fluch ist etwas wie eine Erkältung. Kälte schleicht sich dabei in den Körper der Kantálin, macht sie schwach und lässt sie in ein Koma fallen, in dessen Verlauf entweder ihr Herz durch die Kälte aufhört zu schlagen oder sie wieder Erwachen und fortan zu der Gilde der Sanábri gehören. Durch irgendeine Magie erlernen sie im Koma das Heilen.

So schön und sonderbar ist dieses Volk, dass es ganze Bücher füllen könnte. Es gibt allerdings nur ein einziges Buch. Ein Atlanter nahm es mit in die Welt der Menschen, als sie damals von ihrer Insel gingen und sie den Kantálin überließen. In diesem Buch schrieb einer der ersten Kantálin ihre Geschichte nieder, wie sie zu dem wurden, das sie sind. Keiner der Kantálin hat dieses Buch jemals gelesen, sie alle kennen ihre Geschichte nur aus mündlichen Überlieferungen. Niemand von dem Volk weiß, dass dieses Buch existiert. Es wird von Generation zu Generation in der Familie weitergegeben. Die Herkunft des Buches ging in der Familie irgendwann verloren, aber jede Generation liest es mit Staunen und wünscht sich, nur ein einziges Mal einen Kantálin zu sehen.

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